WeinhausenPano201412

Buchloer Zeitung vom 4.11.1964

 

Der Name Weinhausen hat nichts mit Wein zu tun

Zufriedener Ort mit alter Geschichte - Verbandsschule mit Beckstetten ein dringliches Problem

Weinhausen - Wenn ein Weinhausener Bürger an einen Jengener Bürger gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein Stück Grund verkauft hätte, ohne vorher beim „Hospital zum Heyl. Geist in Kauffbeyren" die Erlaubnis einzuholen, so wäre er seines Handels nicht recht froh geworden, da er gegen das Gesetz „kein liegend Gut gegen frembden verkauffen` gehandelt hätte. Dieses Gesetz besagte nämlich auch: „Im Fall aber jemand hier wider tät und handelte, der soll als dann von Stunde an mit Weib und Kindern aus dem Dorf und Flecken ziehen schuldig, der getroffene Contract aber null und nichtig sein".
    Man sieht, die Freie Reichsstadt Kaufbeuren behandelte die Dörfer, die zu ihrer Gerichtsbarkeit gehörten, recht herrisch. Auch „spath sitzen" und der Besuch der „unzimblichen Gunkelhäuser-. w o sich an den Winterabenden die jungen Leute in den Spinnstuben trafen, war „gänzlich und gar verbotten“. Die Weinhausener, die immerhin 402 Jahre, von 1401 bis 1803, der   Stadt Kaufbeuren unterstanden, hatten es also nicht ganz leicht.
Aus der Vorkaufbeurer Epoche Weinhausens sind die Quellen verhältnismäßig ausführlich. Der Ort. nach den Häusern des Wigo benannt - Weinhausen wurde erst um 1450 aus dem ursprünglichen Wigenhusen - war wohl in frühester Zeit Stiftsgut des Klosters Ottobeuren. 972 soll es aber gemäß einer gefälschten Urkunde an das Reich abgetreten worden sein. Das Kloster verpachtete im weiteren Verlauf seine Steuereinnahmen an verschiedene Ritter. Um 1400 kaufte der Kaufbeurer Bürger Frauß diesen Zehnt von einem gewissen Chunrat von Lechperg. Ab 1410 war immer das Spital von Kaufbeuren damit belehnt.

Am 8. Dezember 1401 ging auch die niedere Gerichtsbarkeit von dem Waaler Ritter Herman von Fryberg für 95 Gulden auf das Spital Kaufbeuren über.

Bei der Säkularisation bayerisch
Im Zuge der Säkularisation wurde Weinhausen zusammen mit Kaufbeuren bayerisch, und an die Stelle des Spitals trat das Landgericht Kaufbeuren; im übrigen änderte sich die Verwaltung zunächst kaum. Erst 1818, als die bayerischen Gemeinden ihre Selbstverwaltung erhielten. brachte für  Weinhausen einen Umschwung. Es wurde seiner Selbständigkeit nun völlig beraubt und mit der Gemeinde Ketterschwang zusammengelegt. Von dieser Verwaltungs-maßnahme waren weder die Ketterschwanger noch die Weinhausener begeistert, da zwischen beiden Orten keine tieferen Verbindungen bestanden. Desshalb mischte sich der Ammann von Ketterschwang auch möglichst wenig in die Weinhausener Angelegeneiten.
Trotzdem begannen unter dem Gemeindeführer Johann Neth 1845 die Bestrebungen, die kommunale Selbständigkeit wlederzugewinnen. 1851 löste das Bayerische Staatsministerium des Inneren die widernatürliche Ehe auf. Die einzige Erinnerung an diese Epoche ist das gemeinsame Kataster, das die beiden Gemeinden heute noch verbindet. Über die Kontinuität der weiteren Entwicklung der Gemeinde gibt vielleicht die Zahl der Bürgermeister seit Errichtung der Gemeinde Aufschluß: In den 113 Jahren seit 1851 standen nur neun Männer dem Ort vor.

 



Seit vielen Jahren unveränderte Struktur
    Der Neunte im Bunde, Bürgermeister Ulrich Bach. ist jetzt seit 1952 in seinem Amt. Mit 199 Einwohnern ist Weinhausen die siebtkleinste Gemeinde unseres Landkreises; der Vorkriegsstand ist damit nur unwesentlich überschritten, und Bach steht also heute einem Dorf vor, das seine Struktur praktisch unverändert behalten hat. Wirtschaftlich dominiert die Landwirtschaft; 24 Bauernhöfe scharen sich um den meist ausgetrockneten Hungerbach. Vom Bauernsterben blieb Weinhausen bisher verschont, hauptsächlich durch die ansehnliche Größe der Höfe. Ein Drittel sind Großbetriebe über 50 Tagwerk; der Rest liegt bis auf drei kleinere Anwesen zwischen 25 und 35 Tagwerk.
    Das Handwerk ist in Weinhausen praktisch ausgestorben. Längst ist die Esse des letzten Dorfschmiedes verloschen, kein Schreiner arbeitet mehr in Weinhausen. Eine weitere Reduzierung ihrer Einrichtungen erfuhr die Gemeinde 1951, als die Molkerei aufgelassen und durch eine Milchsammelstelle ersetzt wurde. Das Steueraufkommen der nicht landwirtschaftlich Beschäftigten ist in Weinhausen jedenfalls nicht sehr groß. Etwa 20 Pendler, meist Maurer oder Hilfsarbeiter, gehen außerhalb der Ortschaft ihrem Broterwerb nach. Ein Gasthaus und zwei kleine Läden versorgen die Bevölkerung des Fleckens.
    Auch Weinhausen mußte sich der Zeit anpassen und nach dem Krieg einige Einrichtungen verbessern und den modernen Ansprüchen angleichen. Dies galt besonders für den Straßenbau. So mußten die Wege nach Weicht und Lindenberg ausgebaut und geteert werden, bevor sie der Landkreis in sein Straßennetz übernahm. Von den heute noch 14 Kilometern Gemeindestraßen sind auch schon zwei geteert. Demnächst steht der Ausbau der Straßen nach Beckstetten und Kettenschwang bevor. Ein anderer Straßenbau machte den Weinhausenern zunächst Sorge; die neugebaute Bundesstraße 12 verläuft direkt zwischen den Fluren der Bauern aus Weinhausen. Es mußte daher eine eigene Unterführung mit Auffahrt zu den Feldern geschaffen werden.
    Ein weiteres dringendes Problem bildet nach wie vor die Schulfrage. Zwar wurden 1958 eine neue Schule gebaut und voriges Jahr das Lehrerhaus gründlich modernisiert. Dadurch war die Voraussetzung geschaffen, den Kindern endlich gründlicheren Unterricht erteilen zu können. Eine Verbandssehule sollte mit Beckstetten, eventuell auch mit Weicht, gegründet werden. Weicht allerdings intervenierte; die beiden anderen Orte und ihre Lehrer aber sind immer noch bereit, für die Schüler wenigstens eine zweiklassige Schule einzurichten.

Die Bürgerversammlung in Weinhausen befürwortete einstimmig, wie die in Beckstetten, mit großer Mehrheit die Verbandsschule. Trotz dieser Einigkeit kam bisher kein Echo von Schul- und Landratsamt, und in Weinhausen kann man oft hören, daß die Behörden wohl glaubten, Landkindern brauche man keine schulische Förderung bieten; für sie reiche es immer noch, lesen und schreiben zu können.
    Doch im großen und ganzen ist Bürgermeister Bach mit seinen „Untertanen zufrieden. „Einigkeit im Dorf ist das Wichtigste und die haben wir.“ Ähnlich positiv urteilt der Pfarrvikar von Weicht, Jakob Rohrmayer, zu dessen Pfarrei Weinhausen gehört, über die Einsatzbereitschaft der Bevölkerung. Dies habe sich bei der jetzt anstehenden Kirchenrenovierung wieder besonders gezeigt. In freiwilligen Schichten half die Bevölkerung beim Abschlagen des Verputzes der Innen- und Außenmauern, die unbedingt neu beworfen werden müssen. Die Renovierung der Kirche wird zum größten Teil auch aus Gemeindemitteln bestritten.
    Das kirchliche Leben Weinhausens schart sich um die jetzt natürlich nicht besonders attraktiv aussehende Kirche. Doch soll dieses reingotische Bauwerk, dessen Fundamente wohl noch in die romanische Zeit zurückgehen, „wieder ein Schmuckstück sakraler Kunst „werden. Die Veränderungen in der Innenausstattung, die aus der Epoche der Neugotik zum Ende des vorigen Jahrhunderts stammen, die Altäre mit den hohen Holzaufbauten und einige Gemälde verschwinden. Dafür soll versucht werden, einige Gemälde, die unter dem bisherigen Verputz lagen, freizulegen. Es wurden an einigen Stellen bis zu fünf Schichten festgestellt; der Wert der Gemälde läßt sich aber noch nicht abschätzen. Obwohl seit 1422 keine selbständige Pfarrkirche mehr, verdient die St.-Felicitas Kirche den geplanten Ausbau und wird bald in neuem Gesicht wieder das Dorf beherrschen.
    Neben den kirchlichen Veranstaltungen tragen auch noch die Feuerwehr und der Veteranenverein zum kulturellen Leben Weinhausens bei. Die Freiwillige Feuerwehr, die über etwa 50 Mitglieder verfügt, ist bestens ausgerüstet. Neue Motorspritze. Sirene. Schläuche und Uniformen stehen den Aktiven zur Verfügung. Ihre beiden Gruppen konnten heuer auch das Feuerwehrleistungsabzeichen erwerben. Die Veranstaltungen des 1921 gegründeten Veteranenvereins werden in jüngster Zeit allerdings seltener. Doch, sollte man diesem alten, ländlichen Ort nicht seine Ruhe gönnen? pr