WeinhausenPano201412

Ein Abriß aus der Geschichte Weinhausens

von Ottmar Gschwender

   Weinhausen war bis zur Vereinigung mit Jengen in der Gebietsreform 1972 mit nur 106 Einwohnern die kleinste selbständige Gemeinde des Altlandkreises Kaufbeuren. Nicht so Unbedeutendes erzählt dagegen seine Geschichte. Der Ort war ursprünglich Stiftsgut des 764 gegründeten Benediktinerklosters Ottobeuren. Um 1200 erscheint er als Wigenhausen  bei den Häusern des Wigo. Das Kloster Ottobeuren hatte vielleicht schon vor dem Jahr 1000 von den UrsinRonsbergern diesen Grundbesitz erhalten. Es gründete schon damals Pfarrei und Kirche, die jedoch nur bis 1422 selbständig blieben. Aus dieser Zeit, 1468, stammt der im 16. Jhdt. und 1890 veränderte und 1965/67 erneuerte Bau. Die Besitzverhältnisse waren in der Folge, wie allenthalben in Schwaben, auch in Weinhausen sehr zersplittert. Wir können dies noch aus der Uraufnahme der Landesvermessung von 1811 erkennen. Neben den weltlichen Herrschaften erwarben auch Kaufbeurer und Augsburger Patrizier, verschiedene Klöster und schließlich auch das 1249 von dem Feintuchhändler Schleher gegründete Kaufbeurer Heiliggeistspital die Mehrzahl der Höfe.

Bei der Liquidation der Landesvermessung am 16. Juli 1831 und 11. August 1831 unterzeichnete für die 6 Bauernanwesen Weinhausens, deren Grundherr die Spitalstiftung Kaufbeuren war  die Hälfte des Ortes  der Bürgermeister Heinzelmann. Er bestand in Nachträgen darauf, daß die Stiftung im Erbfalle 10 % Grundbar erhält, während die Bauern nur 5 % anerkennen wollten. Die grundherrlichen Abgaben von Kirchengeld, Grasgeld, Frongeld und Naturgeld sind jeweils im einzelnen festgelegt. Herrschaftsträger mit Gerichtshoheit war die Stadt bzw. das Spital Kaufbeuren. Deren Herrschaftsbereich, im Ausschnitt der Amtsgerichtsübersichtkarte farblich hervorgehoben, umfaßte so als Exklave auch die Gemeinde Weinhausen, die im Osten mit Jengen und Ummenhofen vom Hochstift Augsburg, südlich mit Ketterschwang vom Reichsstift Irsee und im Westen mit Weicht und Beckstetten von der ehemaligen Reichsritterschaft Mindelheim umschlossen war. Letztere gehörte bereits zu Kurbayern. Die alte Herrschaft Mindelheim, welche 1370 den Herzögen von Teck zufiel und nach deren Aussterben 1467 an die Ritter von Frundsberg, war 1617 an Kurbayern verkauft worden.

Der Grenzstein mit dem Wappen der Stadt Kaufbeuren und rückseitig der Krone Kur-Pfalz- Bayerns (Reichsritterschaft Mindelheim) von 1785.

Als der Kurfürst Max Emanuel von Bayern im Spanischen Erbfolgekrieg 1706 nach der Niederlage in der Schlacht bei Höchstädt in die Acht erklärt worden war, erhob der Kaiser die Herrschaft zu einem Fürstentum und belehnte damit den für diesen Sieg des kaiserlichen Heeres verantwortlichen, zum Reichsfürsten erhobenen Herzog von Marlborough – Ahnen von Churchill. Im Frieden von Rastatt fiel aber 1714 Mindelheim wieder an Bayern zurück.

   Das Kurfürstentum Pfalz Bayern hat im Jahre 1785 seine Territorial grenzen auf Grund von Grenzverträgen abgemarkt und die Hauptgrenzpunkte mit großen, schönen Wappensteinen bezeichnet und gesichert. Regional an Zahl verschieden, ist ein Teil dieser Flurdenkmale örtlich noch vorhanden und unter den Kunstdenkmälern der Stadt und Landkreise aufgeführt. Auch Dr. Frank berichtet davon vereinzelt in seinen Gemeindebeschreibungen, so auch von einem Wappenstein beim ehemaligen Gasthaus Weinhausens, Hs.Nr. 3, das 1740 vom Rat der Stadt Kaufbeuren das Braurecht erhalten hatte. Dort war er noch kurz nach dem 2. Weltkrieg zu finden. Er befindet sich jetzt schon Jahrzehnte lang in Privatbesitz in einem Garten in Jengen. Es ist dies der einzige überhaupt noch vorhandene Wappenstein, auf der einen Seite mit dem Kaufbeurer Stadtwappen und dazu rückseitig Curpfalz Bayerns, die nur in Weinhausen eine historische, gemeinsame Staatsgrenze hatten. Bestrebungen, deswegen diesen Grenzstein für das Heimatmuseum zu gewinnen sind seit längeren Jahren im Gange. Der Grenzstein ist rechtlich unbestreitbar Eigentum der Stadt Kaufbeuren. Einschlägige Gerichtsentscheidungen des Landgerichts Augsburg vom 19. 10. 1990 und schon des Oberlandesgerichts Frankfurt haben verlangt, daß historische Grenzsteine, deren Eigentum durch die Darstellung von Wappen erkennbar ist, auch nach Jahrzehnte langer, vermeintlich gutgläubiger Verwahrung im Eigenbesitz von Privaten herauszugeben sind, da gegen die öffentliche Hand kein Eigentumserwerb durch Ersitzung möglich ist.

   Das Staatsarchiv in Augsburg verwahrt die Urkunde über den Grenzvertrag von 1785 "zwischen den Churpfalzbayerischen Land und Pflege- Gerichten Landsberg und Schwabegg, respektive Türkheim und den Hochstift Augsburgischen Pflegeämtern Buchloe und Schwabmünchen, sowie denen der Reichs Prälatur Irsee" sowie die zugehörige "Gränzkarte", die vom "Churpfalzbayerischen und Landschäftlichen Ingenieur Landmesser und Wasserbaumeister Lindauer in Gegenwart des fürstlich Augsburgischen Ingenieur Leutenants Anselm Epplen von Hartenstein gezeichnet worden" ist. Es fällt auf, daß in der Urkunde kein "gnädigst abgeordneter Commissär" Kaufbeurens genannt wird. Hatte doch Kaufbeuren mit dem sogn. Rudolphinischen Privileg (Urkunde im Kaufbeurer Stadtarchiv) schon am 3. Februar 1286 von König Rudolf die Befreiung von auswärtigen Gerichten garantiert bekommen und im Jahre 1418 von König Sigismund den Blutbann verliehen. Der Grenzvertrag bestimmt in § 12: Hauptsteine sollen aus wetterfestem Marmor sein und 6 Schuh in der Höhe und 14 Zoll im Durchschnitt messen. Nach § 13 sind die Marksteine und deren Aufsetzungskosten beiderseits zu gleichen Teilen zu bezahlen. Nach § 70 sollen von den Pflegegerichten alle drei Jahre gemeinschaftlicher Markungsdurchgang gehalten und an der Vermarkung sich vorfindender Abgang und Mangel auf gemeinschaftliche Kosten allsogleich ersetzet, auch über getanen Durchgang gemeinschaftliches Protokoll aufgenommen werden. Auch in der Uraufnahme der Landesvermessung von 1811, mit dem Ausweis vor den Flurbereinigungen, vor dem Bau der Bahnlinie Buchloe  Augsburg und der Straße Weicht  Weinhausen sind an der Westgrenze Weinhausens diese Grenzsteine verzeichnet und damit ist der ehemalige Standort des Wappensteines Nr. 2 bekannt.
 

   Weinhausen wurde, wie das ganze Schwabenland, auch von Heimsuchungen nicht verschont. Nach Bericht von Frank sind 1872 acht Anwesen, die Hälfte des ganzen Ortes, abgebrannt. Er erinnert auch, daß die als Straßendorf angelegte Ortschaft an der ehemals bedeutenden Heeresstraße liegt, welche von Italien über Marktoberdorf, Kaufbeuren, Untergermaringen, Weinhausen, Lindenberg, Buchloe, Schwabmünchen nach Augsburg führte. Sie war Poststraße der Thurn und Taxis von Innsbruck nach Augsburg, Weg der Rompilger und Heerstraße im spanischen Erbfolgekrieg. Sie umging den Ketterschwanger Berg, von dem der Heimatdichter Peter Dörfler in seiner Appoloniatrilogie noch als von den schweren Mühlenfahrzeugen und Holzfuhrgespannen wegen seiner Steilheit und seiner fast rechtwinkligen Kurve als besonders gefürchtetem Gefahrenpunkt zu erzählen weiß.

   Die Hospitalstiftung Kaufbeuren hat mit dem Bannwald heute noch größeren Waldbesitz in Weinhausen. Pag. 1790 des Liquidationsprotokolls über die Gemarkung Ketterschwang, zu der auch der ehemalige Gemeindebezirk Weinhausen gehört, gibt folgende Auskunft: Flurst. 1584, Bannholz "ist nach Hospitalgrundbuch (im Stadtarchiv Kaufbeuren) vom Jahre 1701 Pag. 903 Eigentum der Hospitalstiftung Kaufbeuren; eine weiter Urkunde hierüber ist nicht vorhanden". Zum vom städtischen Forstamt verwalteten Spitalwald gehört auch schon seit der Liquidation des Südteils des "Bauernwaldes" Flurst. 1559 und 1561.

   Der Liquidationsplan von 1831 von Weinhausen läßt uns eine bemerkenswerte Besonderheit erkennen, nämlich den Ausweis der zersplitterten Besitzverhältnisse der Uraufnahme von 1811 und einer darüber gezeichneten vor und mit der Liquidation vorgenommenen Arrondierung. Die als Kemptener Vereinödung bekannte frühe Flurbereinigung und Zusammenfassung der Besitzverhältnisse war im Oberallgäu, wie wir bei Nowotny lesen, in den Jahren 1550 bis 1803 weitgehend durch Initiative der Bauern selbst in Gang gekommen und durchgeführt zur Beseitigung der verstrickten, gegenseitigen Abhängigkeiten, Fahrtrechte und eingeschränkter Nutzung, also des Flurzwanges und Dienstbarkeiten und damit zu besserer Bewirtschaftung des zusammengefaßten Besitzstandes. Weinhausen ist eine spätere unabhängige Arrondierung, vielleicht durch Kemptener Geometer angeregt. Aus dem Wirrwarr einer Unzahl kleinster, verschachtelter, schmaler Flächenstreifen wurden große, vorbildlich bereinigte Besitzstände geschaffen, wie sie die erste moderne Flurbereinigung von Kleinkitzighofen, die in der Pariser Weltausstellung neben dem Eiffelturm als technische Neuheit gezeigt wurde, nicht nachweisen konnte.

   Das schmucke, 1965/67 erneuerte, der Hl. Felizitas und ihren 7 Söhnen geweihte Kirchlein ist seit 1422 Filialkirche von Weicht. Das Antependium des Altares zeigt ein spätgotisches Schnitzwerk um 1500 der äußerst seltenen Darstellung der Hl. Felizitas und ihrer 7 Söhne. Vielleicht ist es als solches sogar einmalig, da schon kaum ein einschlägiges Patrozinium bekannt ist. Der Meister des Werkes ist, wie bei so vielen Schöpfungen dieser Zeit, namentlich unbekannt. Wegen der engen Beziehung Weinhausens mit Kaufbeuren liegt nahe, eine Kaufbeurer Werkstatt anzunehmen. Dies gilt auch für das zweite kostbare Schnitzwerk in dem Kirchlein, einer guten gotischen Madonna von 1500. Das Patrozinium der Kirche feiert die Pfarrgemeinde für die Brüder am 10. Juli und allgemein am 23. November. Anders als die junge christliche Sklavin Felizitas aus Karthago, die unter der Verfolgung des Kaisers Septimius Severus mit Perpetua den Märtyrertod erlitt, und deren Gedächtnis am 7. März von der Kirche gefeiert wird, ist Felizitas mit ihren 7 Söhnen nicht kanonisiert. Nach der Legende soll sie gleichfalls eine Märtyrerin sein, deren Verehrung seit dem 5. Jahrhundert in Rom nachweisbar ist. Die Legende läßt sie zusammen mit ihren 7 Söhnen den Märtyrertod erleiden. Sie erinnert uns aber an ein Vorbild im alten Testament, berichtet im 2. Buch der Makkabäer 7,142. Der Seleukide Antiochus VII. Epiphanos wollte nach einem Aufstand der Juden in Jerusalem diese zwingen die Gesetze ihrer Väter aufzugeben sowie zu griechischer Lebensweise und griechischem Götterglauben mit den Opfermahlzeiten überzugehen. In der damit entstandenen grausamen Verfolgung der sich weigernden Juden, vor den Bildern der Heidengötter und des Kaisers zu opfern und das Opferfleisch zu essen, berichtet Makkabäer 2,7 in großer Breite und drastisch die grausame Hinrichtung der 7 Brüder und ihrer Mutter. Es darf wohl angenommen werden, daß die Legende der Felizitas eine Gleichsetzung mit dem vom alten Testament berichteten Martyrium der Juden ist. Das Patrozinium Weinhausen geht auf die Gründung der Pfarrei durch das Kloster Ottobeuren zurück, dessen Mönche auch die Reliquien für die vom Kloster gegründeten Kirchen aus Rom vermittelt haben. In der Klosterkirche finden wir auch ein Deckenfresko mit der Darstellung des Martyriums der Hl. Felizitas und ihrer 7 Söhne. Der in Ottobeuren neben Rupert und Theodor verehrte Patron Alexander soll ein Sohn der durch die legenda aurea bekannten Märtyrerin gewesen sein. Die Legende kennt außerdem die Namen von den Söhnen Sylwanus, Januarius, Felix und Philipp.

Bei Ausgrabungen in den Trajansthermen in Rom wurden 1812 Hinweise auf eine frühe, der Felizitas und ihren Söhnen geweihte Kirche gefunden, die für die Entstehung der Legende verantwortlich sein können. Bekannt ist in Florenz die Kirche S. Felicitas neben dem Pälazzo Pitti allerdings aus dem 18. Jahrhundert.
 


Literaturverzeichnis
1. Claudia EisingerSchmidt, "Herrschaftsgeschichte im Bereich des ehemaligen Landkreises Kaufbeuren."
    Ostallgäu einst und jetzt.
2. Historischer Atlas von Bayern (Pankraz Fried) Teil Altbayern . . Weicht S. 63 ; Grenzausgleich 1785, S. 71
3. Tilmann Breuer, Bayerische Kunstdenkmale Stadt und Landkreis Kaufbeuren und dito Landkreis Mindelheim
4. Georg Dehio, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler Bayern, Schwaben
5. Peter Novotny, Vereinödung im Allgäu u. den angrenzenden Gebieten, 1984 Verlag für Heimatpflege Kempten
6. Die Bibel, das 2. Buch der Makkabäer 2 M 7 142
7. H.D. Stöver, Christenverfolgung im römischen Reich, Econ V. 1982
8. Dr. Frank, GemeindeBeschreibungen, Verlag Deutsche Gaue 5 u. 6
9. Heiligenlegende Felizitas von Rom
10. Akten und Urkunden des Stadtarchivs Kaufbeuren
11. Karten und Plansammlung C 14 im Staatsarchiv Augsburg über die Vermarkung der Kurbayerischen Grenzen
      und Urkunden hierzu von 1785
12. Liquidationsplan und Protokolle der Landesvermessung vom Vermessungsamt Marktoberdorf
 

Quelle:

Kaufbeurer Geschichtsblätter, Band 13 - Nr. 6 / Juni 1994

Mit freundlicher Genehmigung vom Heimatverein Kaufbeuren e.V., am 13.6.2004 vom Vorsitzenden Herrn Werner Weirich erteilt.
Bitte beachten sie auch den Link auf der vorhergehenden Seite zum Heimatverein.