WeinhausenPano201412

Aus der Buchloer Zeitung, vom 7. Juli 1950

Künstlerische Kräfte, des schwäbischen Volkstums:

„Maria mit dem Kind“ von Weinhausen

    Die Eigenwilligkeit der schwäbischen Geisteshaltung, die persönliche Eigenständigkeit des Schwaben fand auch in der bildenden Kunst ihren klaren, selbstsicheren Ausdruck und hob sie in jeder Richtung als etwas besonderes heraus. Das Religiöse, um gleich das Hauptthema der zeitgebundenen frühen Kunst zu, nennen, ist hier erkennbar weniger von der richtunggebenden kirchlichen Lehre getragen als bestimmt von einem besonderen Frömmigkeitserlebnis. Die zarte und bei mancher Ungelenkigkeit tief innige Mystik spricht sich in der schwäbischen Sprache aus, wie sie bei Suso (gest. 1366 in Ulm) klang. Die Kunst bildete die geistige, von Suso auf einen Höhepunkt geführte Linie weiter; man staunt über die zunehmende künstlerische Fruchtbarkeit des schwäbischen Wesens um das Jahr 1500.

    Wie so viele unbeachtete Dinge in unseren stillen Landkirchen ist auch die spätgotische Madonna bei St. Felizitas in Weinhausen ein Werk, das das Wollen und Sehnen jener Zeitstufe auf unsere schwäbische Art ausdrückt. Wenn auch das Gesicht Mariens keineswegs in einer Ansicht erschlossen werden kann  jede Wendung, jede Beleuchtung läßt sie etwas anders erscheinen  so ergreift doch sofort die verhaltene innere Spannung und gesammelte Würde, welche die Figur vom Kern her kraftvoll, beinahe überlegen lässig aufgerichtet hat. Man trifft noch heute in Schwaben denselben Frauen- oder besser Mädchentyp, wie ihn die mittelalterlichen Madonnenplastiken aus diesem Kunstkreis zeigen: ein länglichrundes Gesicht, eine bedeutende, häufig klassisch anmutende Nase, einen Ausdruck, dem das Lächeln und die Melancholie, ja die schmerzliche Entrückung gleich nahe sind, So erscheint auch die Mutter Gottes von Weinhausen mehr als eine bestimmte Persönlichkeit und nicht als ein allgemeines Heiligenbild.

 Beachtlich ist das technische Können, mit dem der Meißel des unbekannten Meisters sich in den Holzstamm hineingewühlt und mit Unterschneidungen, mit Höhlungen und Kurven die Masse aufgelockert hat, ihr Licht und Schatten und flutendes Leben gab. Aber schließlich, blieb es doch das Geheimnis des Künstlers, daß die Figur nicht den Eindruck des Vibrierenden oder Fließenden bekam, sondern mit einer statuarischen Festigkeit die eher an die. Kunst des 13. und 14. Jahrhunderts als an die Spätgotik denken läßt, fast säulenhaft vor uns steht. Gerade dieser Gegensatz von der

Bewegtheit der Formen und der in sich ruhenden Sicherheit und Unveränderlichkeit gibt dem Kultbilde das Gepräge des Außer und Ueberweltlichen, des "ganz Anderen", auf das ja das schwäbische Denken über alle Erscheinungsgegensätze und Wandelbarkeiten hinwies immer besonders gerichtet war
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Maria mit dem Kinde, spätgotische Holzplastik in der Kirche von Weinhausen.
Aufnahme: L. Müller. Buchloe, Bahnhofstraße 52

Vorzeitliche und geschichtliche Blutmischungen, geographische Bedingtheiten, Einflüsse des Bodens und der Landschaft und manches andere war wirksam als das Erbgut der alemannischen Einwanderer sich ein schwäbisches Gesicht prägte und den geistigen Raum unserer Heimat schuf, in dem alle unsere Töne, Gebilde, Gedichte" zuhause sind.    B.