WeinhausenPano201412

Buchloer Zeitung vom 19.1.1950

Satire

Aus der Allgäuer ...(Artikel abgeschnitten)

                        In tiefster Trauer ...
    Nach qualvollem, nicht immer mit Geduld ertragenem Leiden, jedoch völlig unerwartet. ist unser allbekannter Zeitgenosse Normalverbraucher verschieden. Mit in sein Grab sank seine treue Weggefährtin Lebensmittelkarte. Eine gewaltige Bürokratie, die unübersehbare Gefolgschaft der Ernährungsämter steht untröstlich und erschüttert an diesem doppelten Grabe.

Im Herbst 1939 geboren, erreichte der nunmehr verewigte  Normalverbraucher ein Alter von 10 Jahren und viereinhalb Monaten. In 134 Zuteilungsperioden leistete die Lebensmittelkarte ihrem Ehegatten notdürftige, zuweilen auch unzureichende Dienste. Für den schon vorgesehenen 135. Fall war diese Hilfe nicht mehr notwendig.

Seine ersten Jugendjahre vollbrachte der teure Verstorbene in einer hoffnungsvollen Zeit. Mit erhobener Hand nahm er die Parole Hermann Görings entgegen: „In Deutschland wird nicht gehungert!" Mit dem Rucksack wanderte, radelte und fuhr er – der Normalverbraucher - zu den Bauern und half dem hohen Versprechen

nach, das ihm in den Ohren rauschte. Eisern hielt die Gattin die „Ration" bis 1943, in welchem Jahr der Normalverbraucher die ersten Einbußen an Kalorien erlitt. 1947 wurde sein Zustand (Unterernährung) hoffnungslos und im Wettlauf mit den Schwarzmarktpreisen stieg sein Hunger. Händeringend griff er nach dem Marshallplan, 1948 nahm ihm die Währungsreform des Geld und mit Wehmut betrachtete er die Zeitgenossen, die mit ihren Hortungsgütern den Anbruch einer besseren Zeit verkündeten. Der stufenweise Abbau der Bewirtschaftung änderte seine Lebenslage, aber auf dem Papier lebte er amtlich weiter. Seine treue Gattin, die Lebensmittelkarte, verbilligte ihm noch das Dasein.

   Und nun sind sie beide, wie sie gelebt, in ein besseres Jenseits eingegangen In der Erinnerung leben sie weiter als bestaunenswerte Höhepunkte unsterblicher pflichtgetreuer Bürokratie. Wer weiß, wie sie sich liebten und wie wir sie bewunderten., wird unseren Schmerz zu würdigen wissen

K. L.