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Buchloer Zeitung vom 10. April 1993

Ein Rückblick

Aus der Buchloer Geschichte
»Mit de g'weihta Sacha schiaßa bringt koi Glück«

Nazis ließen ab 1942 Kirchenglocken einschmelzen

Von Karin Deininger          
Buchloe -
Ostern 1942. Traurige Ostern waren das damals, mitten im Zweiten Weltkrieg. Anstelle von festlichem Geläut bimmelte nur ein kleines Glöckchen vom Kirchturm. Anfang der 40er Jahre nämlich beschlagnahmten die Nazis zahlreiche Kirchenglocken, holten sie ab und ließen sie einschmelzen. Man verwendete den bronzehaltigen Stoff, um daraus Munition und anderes Material für Hitlers Kriegsmaschinerie zu produzieren. Auch den Glocken von Buchloe und den umliegenden Gemeinden blieb dieses Schicksal nicht erspart.

Vier von fünf Glocken holte man in Buchloe mit dicken Seilen vom Kirchturm. »Eine einzige durften wir behalten«, erinnert sich Anni Niedermeier, Tochter des damaligen Mesners von Buchloe, Franz Xaver Salzgeber. Sie selbst läutete damals noch per Hand jeden Samstag um zwei Uhr nachmittags den Sonntag ein.

Als die Glocken herunterkamen, sei jeder »sehr betrübt« gewesen. Mit einem Wagen brachte man sie zum Bahnhof, wo sie auf Eisenbahnwaggons verladen und nach Hamburg transportiert wurden.

Wehmütiger Schrei

Ebenso erging es dem Läutwerk in Jengen. Auch dort blieb nur die kleinste Glocke übrig. Die restlichen drei »dienten« der Rüstungsindustrie. Ortschronist Otto Drischberger war damals gerade 16 Jahre alt und erlebte den Abtransport selbst mit: »Man schleifte sie über das Friedhofspflaster. Die größte, 32 Zentner schwere, stieß dabei einen richig wehmütigen Schrei aus.« Die umstehenden Jengener seien niedergeschlagen gewesen. »Mit de g'weihta Sacha schiaßa bringt koi Glück«, hieß es.

Demontage in der Karwoche

Ausgerechnet in der Karwoche 1942 begann eine Zimmerei aus Kaufbeuren mit der Demontage der Lamerdingener Glocken. Vorher hatte der damalige Pfarrer Carl Lang zusammen mit der Kirchenverwaltung dies mit mehreren Gesuchen zu verhindern versucht. Es war zwecklos, beim Landrat stieß er auf taube Ohren. In einem Protokoll hielt der Pfarrer fest: »Schulkinder machten den Vorschlag, man solle den Männern, die die Glocken ausbauen, Geld geben, damit sie sie nicht herabnehmen«.

Weinen und Wehklagen

Ein letztesmal schlug die große Glocke von Lamerdingen am Ostersonntag 1942, am Dienstag wurde auch sie vom Kirchturm heruntergelassen. Pfarrer Lang vermerkt: »Es schaute zu ein Bauer, der sonst die Kirche wenig besuchte, und eine Frau weinte.
Auch die Waaler mußten auf ihre gewohnten Töne aus den Kirchtürmen verzichten. »Damals«, so Hans Menhofer nachdenklich, »löste die ganze Aktion ein großes Wehldagen in der Gemeinde aus, heute gibt es Menschen, die können kein Läuten mehr hören.«
Ihre eigenen Gedanken darüber machte sich Kreszentia Lang, die ehemalige Kuchen-bäuerin aus Hausen. In einem ihrer Gedichte heißt es:
»Wie wurden die Glocken einstens so festlich geweiht,
und nun verwendet man sie zu gräßlichem Mordwerkzeug...
Ein einzigs Glöcklein konnt noch läuten die Kirchenfeste ein,
ein einzigs Glöcklein konnte im Leid noch Tröster sein.«

 

Nur zwei Glocken kehrten zurück

Freude in Waal und Jengen

Buchloe (kad). In Waal und in Jengen freuten sich die Bürger nach dem Zweiten Weltkrieg besonders: Jeder Ort bekam eine Glocke wieder zurück. Die Buchloer und Lamerdingener dagegen mußten sich neue kaufen.

Bei einer Gemeinderatsitzung im Jahr 1947 gab der damalige Bürgermeister von Waal, Matthäus Lang, bekannt: »Unsere große Marienglocke steht noch in Hamburg und wurde nicht eingeschmolzen. Sie kommt zurück«.
    »Diese Nachricht verbreitete sich im Dorf wie ein Lauffeuer«, erinnert sich Hans Menhofer: »Es herrschte eine große Freude.«
    Noch im selben Jahr traf die Marienglocke wieder in Waal ein. Sie war 1534 gegossen worden und damit zusammen mit der Jengener von 1519 eine der ältesten Glocken der Region.

    Mit Flaschenzügen hieften rund 60 kräftige Waaler das 55 Zentner schwere Geläut auf den Kirchturm von St. Anna. »Die Männer standen bis zum Deutschen Haus«, schildert Menhofer das freudige Spektakel. »Und als die neue, alte Glocke erstmals wieder erklang stimmte die ganze Gemeinde das Tedeum an.« Komplett war das Läutwerk erst drei Jahre später, als die Gemeinde die drei noch fehlenden Glocken kaufte. 1948 feierten die Jengener die Rückkehr ihrer zweitkleinsten Glocke vom Hamburger »Glockenfriedhof«. Ortschronist Otto Drischberger vermutet, sie sei wegen ihres hohen Alters nicht eingeschmolzen worden. Am Passionssonntag, eine Woche vor Palmsonntag, 1950 kamen zwei neue hinzu und auch das Jengener Geläut war dann wieder vollständig.

   Die Buchloer Glocken hingegen wurden allesamt eingeschmolzen. 1947 kaufte die Kirche vier neue aus Stahl. Der damalige Pfarrer von Buchloe, Josef Schön, vertraute angeblich auf das billigere Produkt, das nicht mehr als Kriegsmaterial geeignet war

Opfer des Krieges

Auch die Lamerdingener Glocken wurden Opfer des Krieges. 1949 schaffte die Kirchenverwaltung zwei zusätzliche, gebrauchte aus Ottobeuren an, erst 1985 war das ursprünglich fünfstimmige Geläut wieder komplett. Ein edler Spender hatte vor acht Jahren der Kirche 60 000 Mark zweckgebunden für eine neue Glocke zukommen lassen. Die Lamerdingener selbst brachten 140000 Mark auf. Damit wurde auch noch der Glockenstuhl renoviert. Seitdem erklingt vom Lamerdingener Kirchturm wieder ein prächtiges fünfstimmiges Geläut, das schon 1927 als eines der schönsten im ganzen Ostallgäu gepriesen wurde.